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40 Jahre „Inklusion von unten“ in Marbach
von Christine Reith
Für die Marbacher sind sie „die von antonius“, für antonius „die aus Marbach“. Eine Doppelbezeichnung, auf die das Team und die Bewohner der WG Martin mächtig stolz sind. Denn sie beweist nach vier Jahrzehnten Nachbarschaft das Wichtigste: Sie sind an beiden Orten zuhause.
Wo sich heute ein offenes Quartier entwickelt, war in den 1980er Jahren das „Antoniusheim“ in Fulda-Neuenberg noch ein abgeschlossener und wortwörtlich eingezäunter Kosmos. Im Jahr 1986 entstand dort die Idee, losgelöst von den starren Heimstrukturen mitten in einem Dorf eine Wohngemeinschaft für junge Männer und Frauen aufzubauen. Sie sollten familienähnlich in einem ganz normalen Umfeld leben und sich damit in möglichst vielen Aspekten ihres Lebens frei entwickeln und verselbstständigen können. Damals ein revolutionärer Gedanke.
Pionier-WG im schönen „Moarbich“
Die Wahl fiel – was für ein Glück – auf Marbach. In dem Petersberger Ortsteil nämlich stießen die Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitenden auf ausgesprochen engagierte, aufgeschlossene und interessierte Mitbürgerinnen und Mitbürger. „Der Inklusionsgedanke prägte von Anfang an die pädagogische Arbeit in der Wohngemeinschaft Martin und machte es den ‚Martinis‘ leicht, sich zu Marbach dazugehörig zu fühlen – auch wegen der übersichtlichen Strukturen im Ort und der Offenheit vieler Bürgerinnen und Bürger“, erzählt WG-Leiter und Inklusionsnetzwerker Stefan Wald.
Als Namensgeber für die neue WG fiel die Wahl auf Sankt Martin, den Schutzpatron der Reisenden. Schließlich würde die Außenwohngruppe oft unterwegs sein zwischen ihrem Mehrfamilienhaus im Marbacher Neubaugebiet und dem antonius Hauptgelände, wo die meisten arbeiteten. Das Pendeln teilten sie mit vielen Marbachern, so dass vor allem an der Bushaltestelle erste Kontakte entstanden.
Tiefe Verwurzelung in der Marbacher Gemeinschaft
Doch auch über den Gartenzaun hinweg, beim Einkaufen und bei Arzt- oder Kirchenbesuchen sowie auf dem Sportplatz, bei Festen, Veranstaltungen und in den Vereinen gab es rasch Berührungspunkte. Zum ersten Mal lernten die jungen Menschen mit Behinderung in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld Leute kennen, die nicht mit antonius in Kontakt standen – eine wertvolle Erfahrung der Normalisierung. „Es hat sich rasch eine absolut natürliche Nachbarschaft entwickelt“, beschreibt es Björn Bierent von antonius, „man schaut aufeinander und nacheinander.“
Heute ist für die meisten Bewohner und Bewohnerinnen von „Martin“ der Besuch beim Metzger Göbel, im tegut-Markt, in der St.-Aegidius-Kirche oder bei der Hausarztpraxis Dr. Arnold ganz normal – auch ohne Begleitung einer Assistenzkraft. Manche von ihnen teilen mit vielen Marbachern die Leidenschaft, beim Bäcker Happ zu frühstücken oder nachmittags dort Kaffee zu trinken und Leute zu treffen.
Geben und Nehmen in dörflicher Struktur
Seit 2007 entwickelt sich auch das Betreute Wohnen in Marbach weiter. Dabei leben Menschen mit Beeinträchtigung nicht im WG-Gefüge, sondern in eigenen Apartments. Dort werden sie von Assistenzkräften der WG Martin unterstützt. 2023 kam das Diegmüllerhaus dazu: Das Einfamilienhaus direkt neben WG Martin wurde nach dem Tod des Besitzers frei, von den Marbachern Sven Schultheis und Fabian Hillenbrand gekauft und zu guten Konditionen an antonius vermietet. Heute leben hier fünf Personen im Betreuten Wohnen. „Wenn es die Bewohner der WG Martin nicht gäbe, würde Marbach etwas fehlen“, sagte der damalige Ortsvorsteher Christof Stock bei der Eröffnung des Diegmüllerhauses.
Inklusionsnetzwerker Stefan Wald betont, dass es in Marbach ein besonderes „Geben und Nehmen“ gebe: Viele Bürgerinnen und Bürger setzen sich für Inklusion ein, und zugleich engagieren sich auch viele Bewohnerinnen und Bewohner ehrenamtlich für die Dorfgemeinschaft – etwa bei den Kleintierzüchtern oder im Fußballverein. „Inklusion von unten“ nennt er, wie Menschen mit Behinderung in Marbach überall eingebunden sind.
Vereinsgründung „Leben und Arbeiten in Marbach“
Stefan Wald arbeitet seit 38 Jahren in der WG Martin, leitet sie seit 31 Jahren und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des Projekts. Im Juli 2026 geht er in Rente. Seine Nachfolge übernimmt Nina Krönung. Um Stefan Walds Kontakte im Ort zu erhalten, die Wohnprojekte sozial und finanziell zu sichern und die 40-jährige Tradition der Inklusion in Marbach weiterzutragen, gründen die Gemeinde Petersberg, die Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“ und Bürgerinnen und Bürger gemeinsam den Verein „Leben und Arbeiten in Marbach“. Petersbergs Bürgermeisterin Claudia Brandes und Silke Gabrowitsch von der antonius Geschäftsführung werden im Vorstand aktiv sein, Ortsvorsteher Michael Wahl wird Beisitzer im Verein. Alle Marbacherinnen und Marbacher sind herzlich eingeladen, mitzuwirken.
Festwoche mit Jubiläumsfest als Höhepunkt
Noch bis 27. Juni 2026 feiert WG Martin auf vielfältige Weise ihr 40-jähriges Bestehen – mit einem Sommerfest für die Mitarbeitenden, einem Tag für die Bewohnerinnen und Bewohner, einem Angehörigentreffen sowie einem großen Jubiläumsfest für geladene Gäste. Dieses steht unter dem Motto „WG Martin auf dem Weg des Teilens – 40 Jahre antonius in Petersberg-Marbach“ und wird mit einem gemeinsamen Gottesdienst von Pfarrer Jens Körber und antonius-Seelsorger Pater Thomas und der offiziellen Gründung des Fördervereins „Leben und Arbeiten in Marbach e.V.“ eingeleitet. „Wir wollen Danke dafür sagen, dass wir hier immer so gut aufgenommen wurden“, resümiert Stefan Wald.
