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antonius-Gründerin Maria Rang erhält Blaue Bank

von Christine Reith

Gütig, gelassen und würdevoll wirkt Maria Rang auf dem einzigen Foto, das von ihr erhalten ist. Dabei haben wir es hier mit einer echten Kämpferin zu tun. Das wurde bei der Einweihung einer „Blauen Bank“ zu ihren Ehren durch den Soroptimist International Club Fulda deutlich.

Neun sogenannte Blaue Bänke lenken in Fulda den Blick auf das oft unsichtbare Wirken von Frauen für unsere Stadtgesellschaft. Die zehnte dieser öffentlichen Sitzbänke stellte der „Soroptimist International (SI) Club Fulda“ am Samstag, 24. Oktober 2026, auf – und zwar am Severiberg 1 vor dem antonius LadenCafé. Anlass für die Aktion waren das 20-jährige Bestehen des SI Clubs Fulda sowie das bevorstehende 125-jährige Jubiläum von antonius.

Gewidmet ist die Bank der antonius-Gründerin Maria Rang (1840–1915), die nur wenige Schritte entfernt in der Pfandhausstraße 3 aufwuchs. Sie gilt als prägende Persönlichkeit für soziales Engagement in Fulda. Schon vor über einem Jahrhundert setzte sie sich für kranke und behinderte Menschen ein – zu einer Zeit, als vornehmlich Männer die Geschicke der Stadt bestimmten und sozial Benachteiligte systematisch ausgegrenzt wurden.

Festakt in der Severikirche

Um Maria Rang und ihre Gedenkbank zu feiern, waren rund 80 Gäste in die Severikirche gekommen. Neben Dutzenden Soroptimistinnen – auch aus Schweden und England – waren Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Fulda und von antonius sowie aus Bürgerschaft, Kirche und Politik dabei. Die antonius Band spielte unter der Leitung von Julian Schnorr, und Eva-Maria Helfrich, Präsidentin des Soroptimist International Club Fulda, führte durch die Veranstaltung.

Maria Rang: Initiatorin sozialer Projekte

„Maria Rang ist ein Vorbild für Mut, Verantwortung und Engagement“, würdigte antonius Prokuristin Michaela Lengsfeld die außergewöhnliche Bürgerin bei ihrer Laudatio. „Sie war ihrer Zeit weit voraus und glaubte daran, dass jeder Mensch Würde, Talente und ein Recht auf Teilhabe besitzt. Wo andere Grenzen sahen, sah sie Möglichkeiten – diese Haltung prägt unsere Arbeit bei antonius noch heute.“

Staatssekretär und Bundestagsabgeordneter Michael Brand lud dazu ein, beim Anblick der Maria-Rang-Bank stets kurz innezuhalten und sich zu fragen, wie man selbst mehr Menschlichkeit leben könne. Die Arbeit von antonius nannte er eine „Erfolgsgeschichte“, weil sie Menschen echte Teilhabe ermögliche. „Diese Vielfalt allerdings sehe ich in diesen Tagen durch bestimmte politische Kräfte gefährdet. Deshalb möchte ich heute ausdrücklich dazu einladen, sich für Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe ganz selbstverständlich einzusetzen“, lautete der Appell des CDU-Politikers. Er nahm damit Bezug auf eine Äußerung des AfD-Politikers Björn Höcke. Dieser hatte 2023 die Inklusion als – so wörtlich – „Ideologieprojekt“ herabgewürdigt und gefordert, dass das Bildungssystem davon – wie er sich ausdrückte – „befreit“ werden müsse.

Stadtverordnetenvorsteherin Margarete Hartmann nannte Maria Rang eine „echte Powerfrau“: „Vorkämpferinnen wie sie haben viel für uns Frauen von heute erreicht – daran erinnern die Blauen Bänke.“ Zwar sei manches heute leichter, dennoch gebe es weiterhin Benachteiligungen auf vielen Ebenen, etwa durch Gewalt, Sexismus oder Lohnungerechtigkeit. Katharina Rossbach, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, betonte das gemeinsame Anliegen, Mädchen und Frauen zu stärken und Fulda gerechter zu gestalten.

Rainer Sippel, Vorstand der Bürgerstiftung antonius, bedankte sich herzlich beim SI Club Fulda für die Würdigung der Stiftungsgründerin: „Dies ist ein wichtiger Moment für unsere Stadtgeschichte und zugleich ein Auftrag für die Zukunft: Nur wenn die Menschen unserer Stadt die Idee von Maria Rang gemeinsam weitertragen, können wir den Stiftungsauftrag erfüllen – hoffentlich mit dem gleichen Wagemut und der gleichen Weitsicht wie sie.“

Inklusion in der Praxis: antonius Mitarbeiter hatte Blaue Bank aufbereitet

Mit dabei bei der Einweihungsfeier war auch Ali Özcan mit seiner Familie. Der junge Mann arbeitet in der antonius Schreinerei und hat die Beschriftung auf der neuen Blauen Bank mit dem Motto „Jeder Mensch hat Talente“ angebracht. Unterstützt hat Ali Özcan dabei eine ganz besondere handgeführte CNC-Fräse, die der Schreinerei-Mitarbeiter gemeinsam mit seinen Kollegen auf einer Holzmesse entdeckt hatte. Sein Chef Marek Saalfeld erklärt: „Das Gerät hat eine ausgefeilte digitale Technik und unterstützt Ali so, dass er das Schreinerhandwerk auf sehr hohem Niveau umsetzen kann. Man könnte sagen, sie ‚enthindert‘ ihn und gleicht Einschränkungen aus. Das ist ein typisches Beispiel für unsere Arbeit im Sinne von Maria Rang.“

Groß denken, sich für Schwächere einsetzen, mutig für die eigene Überzeugung kämpfen

Und wer genau war nun Maria Rang? Selbstbewusst, energisch und ihrer Zeit voraus: Maria Rang wuchs bei ihrer früh verwitweten Mutter auf, heiratete mit 24 Jahren Ignaz Rang – den Sohn einer Juristenfamilie und Bruder des Fuldaer Oberbürgermeisters Franz Rang – und bekam fünf Kinder. Sie engagierte sich leidenschaftlich in der Sozial- und Kirchenpolitik und nutzte dabei geschickt ihre Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten der Stadt.

1888 initiierte sie ein „Siechenhaus“ für Alte und unheilbar Kranke, aus dem das heutige Seniorenzentrum St. Lioba des DRK Fulda hervorging. Als wenige Jahre später ihr Urgroßneffe Lorenz Michael Halbleib mit einer Behinderung geboren wurde, dachte Maria Rang anders als die meisten ihrer Zeitgenossen: Sie war überzeugt, dass auch Menschen mit geistigen Einschränkungen Stärken besitzen, lernen und zu ihrem eigenen Lebensunterhalt beitragen können. Sie gründete die Lioba-Stiftung, und 1903 begann der Bau des „Antoniusheims“. Damit legte sie den Grundstein für die heutige Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“.

Fotos: Ralph Leupolt

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