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„Blinden Fleck“ der Medizin sichtbar machen
Es ist eine beunruhigende Statistik: Menschen mit geistiger Behinderung sterben in Deutschland im Schnitt 20 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung. Die Ursache ist meist nicht die Behinderung selbst, sondern ein System voller Barrieren. Von der Prävention über die medizinische Versorgung bis zur Forschung werden diese Menschen und ihre besonderen Bedarfe häufig übersehen.
Die Bürgerstiftung antonius : gemeinsam Mensch rückt nun diesen „blinden Fleck“ der Medizin ins Licht der Aufmerksamkeit. Beim Fachtag Inklusive Medizin am 28. April 2026 brachte antonius Expertinnen und Experten – aber auch Betroffene und Angehörige – zusammen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Die Veranstaltung des Therapiezentrums Zitronenfalter fand in der antonius Festscheune statt. Ergänzt wurden die Fach- und Impulsvorträge von namhaften Speakern durch eine Podiumsdiskussion und eine Zukunftswerkstatt, bei der Teilnehmende eigene Ideen und Forderungen einbringen und gemeinsam Visionen für eine Medizin ohne Barrieren entwickeln konnten.
Inklusive Medizin kein Nischenthema
„Wir sprechen hier nicht von einem Nischenthema, sondern von rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die unser Gesundheitssystem systematisch vernachlässigt“, ordnet Sebastian Bönisch vom antonius Führungsteam die Relevanz des Themas ein. „Menschen mit intellektueller Behinderung bringen im medizinischen Kontext häufig Besonderheiten mit – sie können beispielsweise in ihrer Kommunikation beeinträchtigt sein, verunsichert auf neue Situationen reagieren, Unterstützung bei einer gesunden Lebensführung benötigen oder an komplexen körperlichen und psychischen Krankheiten leiden. Wir bei antonius sind überzeugt, dass eine medizinische Versorgung, die gezielt auf diese Gruppe abgestimmt ist, die eklatante Versorgungslücke schließen kann.“
Aufbau eines Gesundheits- und Innovationszentrums für Inklusive Medizin
Konkret plant antonius den Aufbau eines Gesundheits- und Innovationszentrums, das medizinische Versorgung, ärztliche Ausbildung und begleitende Forschung dauerhaft miteinander verbindet. Herzstück ist eine inklusive Hausarztpraxis, die als koordinierende Schnittstelle Fachärzte, Therapeuten und moderne Telemedizin interdisziplinär vernetzt. Ziel ist es, durch diesen ganzheitlichen Ansatz die Gesundheit und Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung nachweislich zu erhöhen und ein wegweisendes Beispiel für das deutsche Gesundheitssystem zu schaffen.
„Ein Recht auf Gesundheit wie wir alle“
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt neben der Hochschule Fulda und dem Klinikum Fulda auch durch eine präventive Telemedizinstudie von Dr. med. Carlos Plappert, Assistenzarzt am Deutschen Herzzentrum der Berliner Charité und Forscher an der Northwestern University in Chicago im Labor des weltweit renommierten Herzforschers Sanjiv J. Shah: „Bei antonius fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass mir Menschen mit geistiger Behinderung weder im Studium noch an der Charité oder in der US-Spitzenforschung je begegnet sind. Sie finden im Gesundheitssystem schlicht nicht statt – dabei haben sie ebenso ein Recht auf Gesundheit wie wir alle. Bei unserem Forschungsprojekt wollen wir vor allem Daten aus dem Alltag der Menschen mit Behinderung sammeln, um besser zu verstehen, wie sich Krankheiten entwickeln und wo Prävention ansetzen kann, etwa mit Telemedizin. Das ist auch für den Einsatz von KI elementar: Wenn diese Gruppen heute nicht berücksichtigt werden, fehlen morgen die Datensätze, auf denen moderne Medizin basiert.“
Menschlichkeit in der Medizin: Inklusive Medizin als Gewinn für alle
Eine weitere Unterstützerin ist Prof. Dr. med. Tanja Sappok, die erste Professorin für Inklusive Medizin in Deutschland und Klinikdirektorin der Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Universitätsklinikum OWL (Ostwestfalen-Lippe) der Universität Bielefeld. Sie hält das Gesundheitszentrum für Inklusive Medizin von antonius für eine „vielversprechende Initiative, die beispielgebend werden kann“ und zeigt auf, warum die Gesamtgesellschaft von einer inklusiven Medizin profitiert: „Inklusive Medizin nutzt letzten Endes uns allen. Es geht darum, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und sich die Dienstleister am Bedarf des Einzelnen ausrichten – nicht umgekehrt.“
Forschungs- und Transferverbund für Inklusive Gesundheit
Mit dem Fachtag in Fulda setzten die Partner, die hier versammelt waren, ein Zeichen der Zusammenarbeit, die in einem neuen Forschungs- und Transferverbund für Inklusive Gesundheit münden und vertieft werden kann. Zu den Partnern gehören neben antonius das Sozialmedizinische Institut Hamburg, die Philipps-Universität Marburg, die Hochschule Fulda, die Charité Universitätsmedizin Berlin, das MZEB Berlin und das Klinikum Fulda. Gemeinsam wollen sie Barrieren abbauen und eine medizinische Versorgung etablieren, von der die gesamte Gesellschaft profitiert.
Eingebettet war der Fachtag Inklusive Medizin in einen Gesundheitstag für die Mitarbeitenden von antonius, der das Thema Prävention und Wohlbefinden auch innerhalb der Organisation praktisch erlebbar machte.
