Die Vision vom „Leben und Arbeiten“ im antonius Quartier

Von Stefanie Vey

Wie sieht das Wohnen und Leben bei antonius in der Zukunft aus? Diese Frage beschäftigt die Verantwortlichen schon seit Jahrzehnten. Rund um das ursprüngliche Haupthaus von antonius hat sich in den vergangenen 120 Jahren ein großflächiges Areal entwickelt – der antonius Campus. Im gemeinsamen Gespräch beleuchten Rainer Sippel, Günter Habig und Tanja Preis den aktuellen Status der Weiterentwicklung zum einem lebendigen Stadtquartier im engen Austausch mit Bürgern, Nachbarn und der antonius Gemeinschaft.

Ob beim Kino in der Festscheune oder dem Mittagessen im antonius Café, ob beim Gottesdienst im Freien oder auf der Terrasse der WG Katharina – auf dem antonius Campus leben und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Auch wenn immer mehr Inklusionsnetzwerke und Quartiere in und um Fulda entstehen, ist es eine große Zukunftsaufgabe, den antonius Campus weiter für Menschen ohne Behinderung zu öffnen und so zu einem inklusiven Stadtteil zu entwickeln.

Das Besondere daran: Hier kennt man sich und akzeptiert sich in aller Unterschiedlichkeit. Die antonius Gemeinschaft öffnet sich und teilt ihre Werte mit Menschen, die auf dem Campus leben und arbeiten wollen.

Das zeigt sich auch an folgendem Beispiel: Dort, wo bereits 2015 ein Gartenhaus mit neun barrierefreien Wohnungen entstanden ist, werden schon bald weitere Häuser folgen. Im kommenden Jahr sollen die Bauarbeiten für vier neue Gartenhäuser beginnen. Insgesamt 29 Wohnungen werden hier Platz bieten für gemeinschaftlich-solidarisches Wohnen von Menschen mit und ohne Behinderung. Doch die Gartenhäuser sind nur ein Bruchteil der Gesamtentwicklung zum Thema „Leben und Arbeiten“ bei antonius. Sie sind eingebettet in ein grundlegendes und langfristig ausgerichtetes Konzept, das hinter den Kulissen erarbeitet wird.

Vom grünen Hügel am Rande der Stadt mitten ins Leben
Dieses Konzept begann im Ursprung bereits mit der Gründung des Antoniusheims vor 120 Jahren. Damals, als Menschen mit Behinderung im wahrsten Sinne des Wortes noch am Rande der Gesellschaft lebten, wurde die Lage am Rande der Stadt bewusst gewählt. Bis heute hat sich dieser Standort bewährt: Nicht nur die vielen freien Flächen, die nach und nach erschlossen und für die Weiterentwicklung von antonius genutzt wurden; durch die Westentwicklung der Stadt ist diese mit antonius immer näher zusammengerückt. Ursprünglich als Randgebiet geplant ist antonius heute eng mit der Stadt verbunden.

„Wir haben uns vor 15 Jahren bewusst entschieden, diesen Standort zu halten. Gleichzeitig haben wir uns immer weiter für die Gesellschaft geöffnet. Mittlerweile hat antonius eine sehr gute Infrastruktur: vom eigenen Laden und einer Cafeteria über eine Apotheke und ein Therapiezentrum bis hin zur Kita und einer Seniorentagesstätte“, sagt Rainer Sippel.

Wie wollen wir in Zukunft bei antonius leben?
„Was wir heute hier auf dem Campus sehen, ist das Ergebnis aus vielen Jahren Planung und Entwicklung“, ergänzt Günter Habig, Geschäftsführer von antonius : gemeinsam leben und zuständig für die Abteilung Bau und Immobilien. „Nun geht es darum, wo wir in den nächsten 20 Jahren hinwollen. Dazu gehören unter anderem der Bau weiterer Gartenhäuser, die umfassende Neugestaltung des Areals um den Friedhof und die Außengruppe des Kindergartens sowie die langfristige Verlagerung der Gewächshäuser nach Haimbach."

Dabei sind sich alle einig: antonius will noch näher an die Stadt heranrücken, noch mehr zusammenrücken, Berührungsängste abbauen und Kontakte schaffen.

„Wir beschäftigen uns intensiv mit der Frage, wie man in Zukunft bei antonius wohnen und leben kann. Dabei geht es nicht nur um städtebauliche Aspekte, sondern vor allem auch um kulturell-konzeptionelle Werte, um sozialräumliche Fragen, um spirituelle Ansätze und Wertevorstellungen. Es geht also weit über das Wohnen selbst hinaus. Themen wie Bildung und Arbeit, Freizeitgestaltung, soziale Kontakte, Selbstständigkeit usw. gehören in den Gesamtkontext. Auch die Frage, ob sich hier beispielsweise Unternehmen ansiedeln könnten, spielt eine Rolle“, sagt Tanja Preis, zuständig für die Campusentwicklung.

Vom Campus zum Stadtquartier – ein Modellprojekt
Vor diesem Hintergrund arbeitet ein ganzes Projektteam an dem Thema, um mittel- und langfristig ein Modellprojekt zu schaffen, das bestenfalls auch anderen Regionen zeigen soll, wie Inklusion tatsächlich gelebt werden kann. Dazu haben bereits zwei große Workshops stattgefunden – ein dritter soll im November folgen. Bis dahin werden sich interne Arbeitsgruppen mit verschiedenen Detailfragen beschäftigen.

Dabei wird von Anfang an auch das pädagogische Fachpersonal mit einbezogen. Dessen Fachwissen ist die Basis für das Projekt. Denn die Pädagogen haben den besten Blick auf das, was die Menschen verbindet, was zusammenhält, wie Berührungsängste abgebaut und Kontakte geschaffen werden können. Zudem ist im Herbst eine Befragung geplant, um die Lebenszufriedenheit der Bewohner zu analysieren und daraus weitere Schlüsse zu ziehen.

Es ist also ein komplexes Thema mit vielen offenen Fragen unterschiedlichster Disziplinen. Daher nehmen an den Workshops neben den Projektverantwortlichen von antonius auch Pater Thomas und Dr. Alois Rhiel als Stiftungsratsvorsitzender teil. Involviert sind außerdem externe Partner wie die Hochschule Fulda.

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