(Kommentare: 0)
„Das Herz muss dabei sein“
von Anja Hildmann
Während Otto von Molo sich das nächste volle Tablett an der Getränkestation abholt, füllt sich die Eventlocation N4 in den Fuldaer Straußwiesen langsam mit Gästen. Das Format „Talent trifft Gastro“ feiert an diesem Samstagabend Premiere. Vier Köche aus der Region kochen live mit jungen Talenten von antonius, die eine Ausbildung in der Gastronomie absolvieren. Im Service sorgen weitere Talente dafür, dass die Gäste rundum versorgt sind. Einer von ihnen: Otto.
Otto ist 23 Jahre alt, konzentriert, freundlich und an diesem Abend im schwarzen Serviceshirt unterwegs. 2025 hat er seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Während dieser Zeit arbeitete er unter anderem im Jägerhof Maar in Lauterbach. Aktuell ist er übergangsweise im FLORA klostercafé von antonius tätig, doch eigentlich zieht es ihn wieder in einen Partnerbetrieb der Region.
„Ich will einfach das echte Gastro-Leben“, sagt er, während er leere Gläser abräumt. „Also richtig im Betrieb, mit allem Stress und allem, was dazugehört.“ Für viele ist das eine Selbstverständlichkeit, aber nicht für Otto, der mit einer Behinderung zur Welt gekommen ist. Die Gesellschaft ist der Meinung, der 23-Jährige wäre deshalb am besten in einer Behindertenwerkstatt aufgehoben. „Aber ich wollte das nicht. Ich will ein normales Leben führen. Das war schon immer mein Ziel.“
„Ich will ein normales Leben führen“
Heute balanciert er mit ruhiger Hand ein Tablett voller Aperitif-Gläser durch den Raum. „Darf ich Ihnen einen Cocktail anbieten?“, fragt er eine Besucherin freundlich. Die nickt, kommt ins Gespräch. Immer wieder hört man Otto bei einem Plausch mit den Gästen laut lachen. Er ist gut drauf und fühlt sich wohl, das merkt man. Von Aufregung keine Spur. „Ich würde schon sagen, dass ich ein Profi bin. Schließlich habe ich schon ein paar Mal bei solchen Veranstaltungen bedient“, sagt er selbstbewusst.
Während Moderatorin Sabine Hauss die Gäste begrüßt, wird an den Kochstationen bereits fleißig gearbeitet. Mit dabei sind Nelles Catering, das Fuldaer Haus, die Rhöner Botschaft und die antonius Küche. Die Alte Schule und das Haus der Standesbeamten versorgen die Gäste mit Getränken. Diese Betriebe leben Inklusion auch im Alltag. Doch an diesem Abend geht es um Menschen, nicht um Konzepte.
Otto ist ständig in Bewegung. Er kümmert sich um die Gäste, reagiert blitzschnell auf Zurufe, wechselt leere Flaschen aus. „Das Wichtigste ist, dass die Gäste zufrieden sind“, erklärt er in einer kurzen Pause. „Und natürlich, dass ich Spaß habe“, ergänzt er mit einem Grinsen.
Was Otto lebt, ist das, was bei antonius der „Fuldaer Weg“ genannt wird: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Es geht um den persönlichen Willen, um die Entscheidung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.
Ein Beispiel für den „Fuldaer Weg“
Otto formuliert es einfacher: „Ich will mein eigenes Geld verdienen. Nicht Taschengeld bekommen. Ich will sagen können: Das habe ich geschafft.“ Das gehört für Otto zu einem normalen Leben dazu, genauso wie das regelmäßige Treffen mit Freunden oder seine Besuche im Fitnessstudio. „Klar ist es auch anstrengend. Gerade am Anfang habe ich das Tempo unterschätzt. Aber das gehört dazu, dass man mal gefordert wird.“ Das sei ihm lieber als die geschützte Atmosphäre einer „Sonderwelt“.
Dass er heute hier im N4 arbeitet, ist auch Ergebnis eines Netzwerks aus Betrieben, die Arbeitsplätze öffnen, ausbilden und begleiten. Verantwortungsgemeinschaft statt Sonderweg. Für Otto bedeutet das vor allem eines: echte Erfahrung und Teilhabe.
Deshalb ist es für ihn wichtig, nun etwas Neues zu finden. „Bei der Gastronomie muss das Herz dabei sein, und das ist bei mir der Fall.“ Ob er auch mal Zweifel hatte? „Eigentlich nicht“, verrät Otto. „Man muss den Job lieben.“
Später am Abend füllt sich der Raum mit Stimmengewirr und dem Duft von kross gebratenem Roastbeef und karamellisiertem Zucker. Die Gäste wechseln zwischen den Kochstationen, probieren, fragen nach, applaudieren. Die antonius Band sorgt währenddessen für Stimmung.
Als der Trubel am späten Abend langsam abebbt, wirkt Otto müde, aber zufrieden. Die Begegnung mit den Gästen empfand er als durchweg positiv. „An manchen Tagen merkt man: Jetzt läuft’s richtig gut. Heute ist so ein Tag.“
Und was wünscht er sich für die Zukunft? Er überlegt nicht lange. „Wieder in einem Partnerbetrieb arbeiten. Vielleicht irgendwann im Bereich Fine Dining oder in einer Weinbar. Dort kann ich mit Fachwissen glänzen. Außerdem liebe ich gutes Essen und guten Wein.“ Er lacht. Dann greift er sich ein letztes Tablett und beginnt, die restlichen Gläser einzusammeln.
BU Titelbild: Otto von Molo sorgt bei "Talent trifft Gastro" dafür, dass die Gäste mit Getränken versorgt sind.
Fotos: OSTHESSEN|NEWS / Carina Jirsch
