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Ein gutes Leben in Gemeinschaft

von Christine Reith

Menschen mit geistiger Behinderung können nicht alleine wohnen – diesem Vorurteil begegnet Johanna Müller immer wieder. Die 21-Jährige jedoch beweist das Gegenteil: Sie lebt selbstständig in ihrer eigenen Wohnung, und zwar in den „Gartenhäusern“ von antonius. Rund ein Dutzend Patinnen und Paten machen das besondere Nachbarschaftsprojekt mit möglich.

Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und auf diese Weise echte Inklusion lebt: Das ist die Vision der Gartenhäuser in Fulda. Im Winter 2025 hat die Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“ hierfür vier weitere Häuser mit 29 neuen Wohnungen eröffnet, in denen Menschen mit und ohne Behinderung Tür an Tür leben – ein Konzept, das mittlerweile bundesweit Beachtung findet.

Eine neue Mieterin ist Johanna Müller. Die junge Frau zog ursprünglich von ihrem Elternhaus in Wiesbaden nach Fulda, um an der Arbeitsschule „Startbahn“ den Grundstein für ihr Berufsleben zu legen. Nach zwei Jahren in einer betreuten Trainingswohnung bei antonius wagte sie Anfang Januar 2026 den nächsten großen Schritt: Ein Leben, das sie weitestgehend selbst gestaltet.


In ihrer Gartenhaus-Wohnung findet Johanna Müller
Ruhe zum Lernen für die Arbeitsschule Startbahn.

Das Prinzip der Gartenhäuser ist simpel, aber mutig: Erst kommt die Eigenregie, dann die Hilfe durch die Nachbarschaft, und nur im Bedarfsfall greifen professionelle Fachkräfte unterstützend ein. „Putzen, Kochen und Waschen kann ich super“, erzählt die 21-Jährige, die im Sommer eine Ausbildung in der Hauswirtschaft bei antonius beginnt. Doch sie kennt auch ihre Grenzen: „Alles rund ums Geld checke ich überhaupt nicht, zum Beispiel den Kontoauszug. Da hole ich mir Hilfe.“

Verantwortung, Begegnung und Zusammenhalt

„Die Idee ist, dass sich die Nachbarinnen und Nachbarn in den Gartenhäusern im Alltag gegenseitig unterstützen und aufeinander achtgeben“, erklärt Projektleiter Björn Bierent. „So braucht es einerseits weniger Fachkräfte, andererseits wirkt es Einsamkeit entgegen, und alle können zum Gemeinwohl beitragen – auch die vermeintlich Schwächeren.“  Besonders deutlich wurde das schon während der Einzugsphase, als sich die Nachbarschaft wechselseitig mit Umzugskartons, Werkzeug und handwerklicher Hilfe versorgte.

Die Gartenhäuser stehen für eine moderne Inklusion mit größtmöglicher Selbstbestimmung und Teilhabe – sie füllen damit eine Lücke bei den üblichen Wohnformen für Menschen mit Behinderungen. Denn in der Regel leben diese Personengruppe in Wohngemeinschaften mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung oder alternativ im ambulant betreuten Wohnen, wo Assistenz mehrmals die Woche fest dazugehört. Unterstützung nur auf Anfrage wie bei den Gartenhäusern ist ein neuer Weg. „Dass man jemanden zur Physiotherapie fährt, man zusammen das Treppenhaus reinigt oder jemand mit zu einem Spaziergang kommt, ist in den Gartenhäusern schon Normalität – all das wäre im klassischen Setting des ambulant begleiteten Wohnens Aufgabe der pädagogischen Assistenz“, sagt Björn Bierent.


„Das bisschen Haushalt“ macht die 21-Jährige ganz allein.

Damit die Gemeinschaft der neuen Mieterinnen und Mietern gut zusammenwächst, gibt es regelmäßige Treffen und eine rege genutzte Massenger-Gruppe. „Wir schreiben dort, wenn eine Veranstaltung ansteht, wenn man sich Begleitung zu einem Spaziergang wünscht oder wenn man etwas Bestimmtes braucht“, sagt Johanna Müller.

Solidarität als Fundament: Patenschaften fördern die Gartenhäuser

Dass auch Menschen mit geringem Einkommen in den Gartenhäusern wohnen können, ermöglicht ein solidarisches Finanzierungsmodell. Da die Baukosten für barrierefreien, zukunftsfähigen Wohnraum heute oft das übersteigen, was Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung zusteht, schließt antonius diese Lücke unter anderem mithilfe von Patenschaften.

Patinnen und Paten spenden monatlich die Differenz zwischen der günstigen Sozialmiete und der tatsächlichen Kostenmiete – oft sind es monatliche Beiträge im unteren dreistelligen Bereich, die in der Summe Großes bewirken. Mehr als ein Dutzend Fuldaer Bürgerinnen und Bürger – darunter Unternehmer, Ehepaare und Privatpersonen – haben bereits eine solche Patenschaft übernommen.

„In einem schönen Umfeld und innerhalb einer guten Gemeinschaft zu wohnen, gibt den Menschen Sicherheit und Freiheit – aber auch Kraft für andere Lebensbereiche wie dem Arbeiten“, betonen die Paten, weshalb sie das neue Konzept für inklusives Wohnen direkt am antonius Quartier gerne unterstützen.


Die Bewohnerinnen und Bewohner der Gartenhäuser
zusammen mit Projektverantwortlichen und Patinnen und Paten.

Während manche das Projekt erstmal für ein paar Monate unterstützen, haben andere für viele Jahre zugesagt. Über die reine Geldspende hinaus sind die Patinnen und Paten in das Projekt einbezogen und werden regelmäßig über den Verlauf informiert. „Wir sind dankbar für alle, die dieses Zukunftsprojekt mit uns gestalten, und freuen uns über weitere Unterstützer“, lädt Silke Gabrowitsch von der antonius Geschäftsführung ein.

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Rund ein Dutzend Patinnen und Paten fördern aktuell das Projekt Gartenhäuser, darunter (auf dem Titelbild oben von links) die antonius Führungsgemeinschaft (vertreten durch Silke Gabrowitsch), Christoph Werner (WERNER-Gruppe), Thomas Sälzer und Thorsten Hopf (beide VR Bank), Patrick Tetzlaff (Sichau & Walter Architekten), Kristin Wehner-Rundshagen (GROMA), Christin und Stefan Nebel, Björn Leutke (Leutke Gebäudereinigung), Johannes Hohmann und Roger Eichenauer (beide Herm. Hohmann Baudekoration). Nicht auf dem Bild: Marco Bug (Muth & Partner), Matthias Heurich (Heurich Getränke-Fachgroßhandel), Sigrun Stosius (Metzler-Stiftung) und Hermann Pönitzsch.

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Mehr Informationen zu den Gartenhäusern und Patenschaften gibt es beim großen Frühlingsmarkt am Samstag, 21. März 2026, von 10 bis 17 Uhr am allgemeinen Infostand auf dem antonius-Hauptgelände (An St. Kathrin 4, 36041 Fulda).

Fotos: Ralph Leupolt (Gruppenbilder) udn Roman Herget (Portraits)

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