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Gegen jede Statistik: Junger Landwirt schafft den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt
von Christine Reith
Mähdrescher fahren, den Kartoffelroder reparieren, den Futtermischwagen befüllen: Solche komplexen Aufgaben sind die Leidenschaft von Gregor Graskemper. Dem 31-Jährigen gelang auf dem antonius Hof etwas, das weniger als ein Prozent der Menschen mit Behinderung in Deutschland erreichen: der Sprung von der „Behinderten-Werkstatt“ auf den allgemeinen Arbeitsmarkt – und damit hinein in ein selbstständiges Leben. Mitte Juli 2026 kehrt der junge Landwirt vom antonius Hof als Festangestellter auf seinen elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb zurück.
Den Traktor fuhr er schon als kleiner Junge. Gerade so groß wie die Tischkante sei er da gewesen, erzählt Gregor Graskemper mit einem Augenzwinkern. Der heutige Landwirt wächst auf dem Hof seiner Eltern im ländlichen Klieve in Nordrhein-Westfalen auf. Dort fühlt er sich pudelwohl, liebt das Draußensein, engagiert sich im Schützenverein und wird sogar Jungschützenkönig. Mitten im Übergang zum Erwachsenwerden – zwischen Hauptschule und Ausbildung – erhält er eine Diagnose, die seine Lebensplanung erstmal ins Stocken bringt: Autismus.
Die Autismus-Spektrum-Störung ist keine Erkrankung, sondern eine Variante der menschlichen Neurobiologie, bei der das Gehirn Informationen und Reize auf besondere Weise verarbeitet. „In der Schule lief es schon nicht rund, ich hatte mit Mobbing zu kämpfen und nehme vieles anders wahr als meine Mitmenschen“, sagt Gregor Graskemper, der mit der Diagnose auch einen Behinderungsgrad erhielt. Es kristallisierte sich heraus, dass er nach der Vollausbildung erstmal Unterstützung fürs Berufsleben benötigen würde.
antonius Hof als Teil eines inklusiven Netzwerkes
Über die Landwirtschaftskammer NRW erfährt Familie Graskemper vom 200 Kilometer entfernten antonius Hof in Fulda-Haimbach, den rund hundert Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam bewirtschaften. Der Bioland-Betrieb gehört zur Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“ und betreibt Ackerbau und Viehwirtschaft zur Selbstversorgung sowie für regionale Handelspartner. Hier kann Gregor Graskemper 2016 in einem geschützten Rahmen anfangen zu arbeiten. Und zwar über eine Berufsbildungsmaßnahme im Status eines Mitarbeiters in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM).
Und er kann direkt auf dem Bio-Hof im Betreuten Wohnen leben, zuerst in einer Zweier-WG und später in seiner eigenen Wohnung. Einmal pro Woche bekommt er Unterstützung bei Themen wie Ernährung, Haushalt und Lebensführung.
Auch in Fulda-Haimbach findet Gregor Graskemper schnell ein Zuhause: Entgegen aller gängigen Vorurteile gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum ist er sehr gesellig und sozial, engagiert sich in der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr und findet leicht Freunde. „Die Gemeinschaft ist für mich alles, ohne Gemeinschaft ist alles nichts“, lautet sein Motto. „Gregor ist ein echtes ‚Haimbacher Gesicht‘ geworden – viele kennen ihn, und er hat die Telefonnummern von allen, die im Ort wichtig sind“, erzählen seine Kollegen. Und dass er für die jungen Azubis auf dem Hof zur wichtigen Bezugsperson wurde.
Das Besondere: Dank der gezielten Förderung durch die Mitarbeitenden auf dem antonius Hof und einen großen eigenen Willen übernimmt Gregor Graskemper rasch Aufgaben, die über den Werkstatt-Status hinausgehen. „Gregor ist absolut gewissenhaft, er will es immer gut und richtig machen und erfüllt alle Arbeitsaufträge bis ins Detail“, erläutert Marius Reith, Abteilungsleiter Landwirtschaft bei der Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“.
Echte Arbeit statt Sonderstrukturen
„Wir haben intensiv daran gearbeitet, dass er mehrere Aufgaben hintereinander abarbeiten kann und sich auch in einem komplexen Tagesablauf gut strukturiert – das war zu Beginn eine Herausforderung. Außerdem brauchte er erstmal mehr Zeit. Hier auf dem Hof arbeiten sozialpädagogische Fachkräfte, die solche Prozesse gut begleiten können und zuerst nach den Talenten der Personen schauen, und nicht nach ihren Defiziten.“ Fähigkeiten, die später bei einem externen Betrieb wichtig sind – wie Stapler- oder LKW-Fahren inklusive der entsprechenden Führerscheine –, werden gezielt gefördert.
Vor allem im Ackerbau und im Umgang mit den großen Maschinen entwickelt sich Gregor Graskemper zu einem vollwertigen Mitarbeiter. 2019 kann ihm der Hof deshalb eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung im Ackerbau anbieten. Damit beginnt für ihn ein Weg, der in Deutschland noch eine Rarität ist: Laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte hat Deutschland „nach wie vor ein stark ausgebautes System von Sonderstrukturen. Etwa 300.000 Menschen mit Behinderung arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Die Übergangsquote auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist gering. Werkstätten in ihrer heutigen Form führen zu Segregation und Exklusion und sind nicht Teil eines inklusiven Arbeitsmarktes. Im Gegenteil sind sie ein Anzeiger dafür, wie wenig inklusiv der heutige Arbeitsmarkt immer noch ist.“2
Damit erfüllen Werkstätten nicht den Anspruch von Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention, der „das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, inklusiven und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird“, festlegt.
Anders auf dem antonius Hof: „Menschen werden bei uns in die Lage versetzt, später in die Welt hinaus zu gehen und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ihren Platz zu finden – um Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, aber auch um ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“, beschreibt es Ulrich Schmitt, der als Geschäftsführer bei antonius für den Bereich Gartenbau und Landwirtschaft verantwortlich ist.
Festanstellung im Heimatdorf
Für den familien- und heimatverbundenen Gregor Graskemper war schon immer klar: Eines Tages geht es zurück nach Westfalen. Aktuell wird der elterliche Hof mit einem anderen Betrieb aus der Gemeinde zusammengeführt. Dessen neuer Leiter hat ihm eine Festanstellung angeboten. Auf den zukünftig 200 Hektar Ackerfläche und im Mastbetrieb mit 1400 Schweinen wartet viel Arbeit.
Mitte Juli 2026 zieht der junge Mann in einen eigenen Bungalow, das Altenteil, auf dem Familienhof und nimmt Abschied von antonius. „Im Guten!“, betont er. „Ich freue mich riesig auf meine Heimat, lasse aber auch viel Schönes zurück. Vor allem die Gemeinschaft hier auf dem großen Hof und meine vielen Freiheiten.“ Sein Chef Marius Reith ergänzt: „Wir entlassen einen tollen Mitarbeiter, der viele seiner Fähigkeiten bei uns ausgebaut hat und einen großen Rucksack voller Kompetenzen gefüllt hat. Er leistet echte Arbeit statt stupider Tätigkeiten in einer Werkstatt – und genau so verstehen wir unseren Stiftungsauftrag.“
1 In der „Studie zu einem transparenten, nachhaltigen und zukunftsfähigen Entgeltsystem für Menschen mit Behinderung in Werkstätten für behinderte Menschen und deren Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“ (durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales) wird eine durchschnittliche bundesweite Übergangsquote von ca. 0,35 % genannt. S. 43: https://tinyurl.com/nc10-24-entgeltsystem (abgerufen am 17.06.2026).
2 https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuelles/detail/segregierende-strukturen-des-werkstatt-systems-aufbrechen (abgerufen am 17.06.2026).
Fotos: Roman Herget
