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„Ich mach mein Ding!“: Fuldaer Modell gibt Impulse für bundesweite Reform der Eingliederungshilfe
von Christine Reith
Während im politischen Berlin über den Umbau des Sozialstaates und drohende Kürzungen diskutiert wird, geht der Blick auch nach Fulda: Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, informierte sich vor Ort über innovative Reformimpulse für die Eingliederungshilfe. Das Unternehmernetzwerk Perspektiva und die Bürgerstiftung antonius zeigten bei einem hochkarätig besetzten Runden Tisch auf, wie echte Teilhabe gelingen kann, ohne das System finanziell zu überlasten.
Die Dringlichkeit für eine Reform ist groß: Deutschlandweit gelingt beispielsweise derzeit nur rund zwei Prozent der Förderschüler nach ihrem Abschluss der Übergang auf einen regulären Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Für die übrigen 98 Prozent führt der Weg meist direkt in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen – mit der Folge lebenslanger Abhängigkeit von staatlichen Leistungen.
Dass es auch anders geht, beweist das Fuldaer Modell „Ich mach mein Ding!“: Über 20 Prozent aller Absolventinnen und Absolventen der Arbeitsschule Startbahn von antonius werden erfolgreich in externe Betriebe vermittelt. Sie verdienen dort ihr eigenes Gehalt, statt auf Sozialleistungen angewiesen zu sein.
Runder Tisch bringt zusammen
Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die beim Runden Tisch am Dienstag, 11. August 2026, im Zitronenfalter von antonius besprochen wurden. Dort traf sich der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sozialwirtschaft der Region.
Der Austausch machte deutlich: Das derzeitige Hilfesystem für Menschen mit Behinderungen ist noch immer stark von bürokratischen Hürden, Abhängigkeiten und hohen Transferkosten geprägt. Der Ausbau von Sonderwohnheimen und Werkstätten ab den 1980er-Jahren führte zu einem sogenannten „Klebeeffekt“ in den Einrichtungen, der eine Integration in Arbeit und Ausbildung bei Unternehmen der Region zunehmend erschwerte.
Selbstständigkeit statt Sonderwelten
Fulda geht bewusst einen anderen Weg: Unter dem Dach des bereits deutschlandweit beachteten Lebenskonzepts „Ich mach mein Ding!“ schaffen das Unternehmernetzwerk Perspektiva und die Bürgerstiftung antonius Rahmenbedingungen, die Menschen mit Behinderungen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen – beim Lernen, Wohnen, Arbeiten und in der Freizeit.
Kinder und Jugendliche lernen hier von Anfang an in inklusiv gestalteten Einrichtungen und werden gezielt auf eine reguläre Arbeit vorbereitet, statt in Sonderstrukturen zu verharren. Bausteine dieses Erfolgs sind eine individuelle Begleitung, modulare Ausbildungsbausteine, maßgeschneiderte Arbeitsplätze in regionalen Unternehmen, innovative Wohnkonzepte sowie kommunale Inklusionsnetzwerke.
Beim Runden Tisch wurde diskutiert, welche Erfahrungen aus Fulda in die aktuelle Debatte um die Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe und die Reform des Sozialstaates eingebracht werden können. Zu den Teilnehmenden gehörten neben Jürgen Dusel unter anderem der Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, Landrat Bernd Woide, Staatssekretär Michael Brand (MdB), Katharina Henkel (Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld – Fulda), Michael Wißler (Perspektiva), IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt, Armin von Buttlar (Vorstand Aktion Mensch), Prof. Dr. Dennis John von der Evangelischen Hochschule Nürnberg sowie Vertreter von antonius, Perspektiva und der Hochschule Fulda.
„Hier werden Lösungen präsentiert“
Jürgen Dusel zeigte sich von den Projekten beeindruckt: „Perspektiva und antonius eröffnen Menschen mit Behinderungen Wege, um gar nicht erst in die Eingliederungshilfe hineinzugeraten – weil sie einen Job bekommen, ihr eigenes Geld verdienen und Steuern zahlen. Das ist sowohl aus menschenrechtlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive deutlich besser, als von Transferleistungen zu leben. Diese Best-Practice-Beispiele möchte ich mit nach Berlin nehmen und dort verbreiten. Ich finde: In Deutschland schauen wir noch viel zu häufig auf Probleme, doch hier werden Lösungen präsentiert. Das hat mich sehr beeindruckt.“
Beispiele mit Leuchtturmcharakter
Auch Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld zog eine positive Bilanz des Treffens: „Jürgen Dusel hat heute hier viele innovative Beispiele mit Leuchtturmcharakter kennengelernt, die das Leben von Menschen mit Behinderung verbessern können. Damit sie selbstbestimmt leben und einen Arbeitsplatz finden können. Inklusion ist und bleibt ein dickes Brett. Aber der heutige Tag hat uns ein Stück vorangebracht.“
Bundestagsabgeordneter Michael Brand ergänzt: „Reformen sind notwendig. Die Frage ist, wie sie gestaltet werden. Perspektiva und antonius haben bewiesen, dass Teilhabe eine Win-win-Situation sein kann, von der die Menschen, die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt profitieren. Fulda zeigt: Es funktioniert, und kann auch anderswo funktionieren.“
Fuldaer Modell auf andere Städte übertragen
Damit dieser Fuldaer Weg künftig auch auf andere Orte übertragbar wird, kündigte Rainer Sippel, Vorstand von antonius und Beiratsvorsitzender von Perspektiva, eine wissenschaftliche Evaluation an: „In Fulda gehen wir – das ist heute wieder deutlich geworden – einen ganz besonderen Weg. Damit dieser auf andere Orte übertragen werden kann, sollen die Erfolgsfaktoren wissenschaftlich evaluiert werden. Das wollen wir jetzt im Schulterschluss mit verschiedenen Beteiligten angehen, auch dem Hessischen Sozialministerium und der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Wir wollen das Fuldaer Modell so aufbereiten, dass es übertragbar wird und wertvolle Impulse setzen kann. Wichtig ist: Wir fordern nicht mehr Geld für unsere Arbeit, sondern mehr Vertrauen und Möglichkeiten der Mitgestaltung.“
Dr. Christian Gebhardt, Präsident der IHK Fulda: „Viel ging es heute auch um die überbordende Bürokratie und Systeme, die sich selbst lähmen. Perspektiva zeigt, dass es anders geht, durch den bundesweit einmaligen Zusammenschluss von mehr als 130 lokalen Unternehmen. Der Fuldaer Weg kann ein Vorbild sein, um Menschen auch anderswo nachhaltig in sozialversicherungspflichtige Anstellung zu bringen.“
Die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen auch
Das Pressegespräch zum Abschluss des Runden Tisches schloss Jürgen Dusel mit einem ganz persönlichen Plädoyer: Seine Amtszeit als Bundesbehindertenbeauftragter habe er unter das Motto „Demokratie braucht Inklusion“ gestellt. Inklusion sei kein bloßes „Nice-to-Have“, sondern ein fundamentales Menschenrecht und fest im Grundgesetz verankert. „Menschen mit Behinderungen haben genau dieselben Rechte wie alle anderen auch. Dass sie diese Rechte – wie die gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben – auch durchsetzen können, ist eine Kernaufgabe unseres demokratischen Staates. Wir erleben derzeit politische Kräfte, die Demokratie und Inklusion infrage stellen. Denen müssen wir unsere Werte einer bunten, vielfältigen und offenen Gesellschaft geschlossen entgegenstellen.“
Auf dem Gruppenbild zu sehen sind (von vorne links im Uhrzeigersinn): Jan Martin Müller (Geschäftsführer Perspektiva), Staatssekretär Michael Brand (MdB), Steffen Heller (Ressortleiter Finanzen bei antonius), Katharina Henkel (Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld – Fulda), Prof. Dr. Martina Ritter (Vizepräsidentin der Hochschule Fulda), Jürgen Dusel (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen), Rainer Sippel (Vorstand antonius und Vorsitzender des Beirats Perspektiva), Silke Gabrowitsch (Mitglied der Geschäftsleitung bei antonius), Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld, Landrat Bernd Woide, Michael Wißler (Kuratorium Perspektiva und Stiftungsratsvorsitzender antonius), Prof. Dr. Dennis John (Evangelische Hochschule Nürnberg), Lea Widmer (Vorsitzende des Beirats der Menschen mit Behinderungen Fulda), Winfried Kron (Referatsleiter Hessisches Ministerium für Soziales und Integration), IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt, Armin von Buttlar (Vorstand Aktion Mensch), Christina Marx (Geschäftsleitung Aktion Mensch), Thomas Niermann (Leiter des Integrationsamtes des Landeswohlfahrtsverbands Hessen), Frank Nikutta (Fachbereichsleiter Landeswohlfahrtsverband Hessen). (Fotos: Steffen Waßmann)
