von Annika Vogel (Kommentare: 0)

Ja, wir lieben Kinder

Nun zahlt es also die Kasse. Nicht in allen Fällen, aber man muss kein Prophet sein um vorauszusehen, dass deutlich mehr Paare als geplant ab Ende 2020 den bequemen Bluttest genehmigt bekommen – und bei positivem Bescheid ihr Kind mit Downsyndrom "wegmachen“ lassen.

Ein Kommentar von Dr. Arnulf Müller

Zugegeben, wir Deutschen machen es uns nicht leicht. Schließlich lieben wir Kinder. Auch solche, die vielleicht etwas anders sind. Im Land, das einst im industriellen Maßstab glückliche Menschen um ihr normabweichendes Leben brachte, wird Ethik ernst genommen. Entsprechend korrekt mahnen die Leitmedien, verantwortungsvoll mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. „Niemand darf aussortiert werden“, titelte die FAZ im September. Es dürfe kein Massenscreening geben, Eltern sollten nicht unter Druck gesetzt werden. Gleichwohl begrüßte der Kommentator die Kostenübernahme, schon deshalb, weil die risikoreiche Fruchtwasseruntersuchung ja auch bezahlt würde. Da wäre es absurd, den Bluttest abzulehnen. Wichtig sei jedoch: "Beratung".

Nach diesem Muster verschiebt sich seit Jahren die Grenze: Die Medizin schafft Fakten, woraufhin reflexartig der humane Umgang mit den neuen Möglichkeiten beschworen wird. Am Ende begnügt man sich damit, auf die mündige Entscheidung der Paare zu setzen. Sinn und Recht von frühdiagnostischen Verfahren wagt kaum einer infrage zu stellen. Wissen zu generieren, kann schließlich keine Sünde sein.

Machen wir uns also nichts vor: Wir wollen solche Tests. Weil wir selbst entscheiden wollen, welche Sorte Kind unser gut ausgestattetes Kinderzimmer bewohnt. Bitte keine größeren Überraschungen. Ja, wir lieben Kinder. Auch solche, die vielleicht etwas anders sind. Nur haben wollen wir sie nicht in unserem Wünsch-Dir-was-Leben. Im Februar wurde im Deutschlandfunk von Schätzungen gesprochen, wonach neun von zehn Elternpaaren bei der Diagnose Trisomie 21 abtreiben lassen. Wer testet, tötet. Das ist der Normalfall. Die medizinische Forschung ist nur der Funktionär unserer unterschwelligen Wunschphantasie.

Ich will von einem Besuch im Fuldaer Klärwerk erzählen. Als wir diese Zeitschrift, den SeitenWechsel, gründeten, war klar, dass auch Menschen mit Behinderung die Gelegenheit bekommen sollten mitzumachen, und zwar als echte Redakteure. So schufen wir ein Format, in welchem unsere Kollegen Erika Mechler und Andreas Sauer – ein junger Mann mit Downsyndrom – über etwas Spannendes aus unserer Region berichten sollten. "Wir Zeigen´s Ihnen" nannten wir die Rubrik, die Leser des Magazins werden sich erinnern. Unsere erste Reportage führte uns also nach Gläserzell. Der Betriebsleiter, Herr Glocker, führte die neugierigen Besucher in den letzten Winkel des Areals, und man spürte, wie viel Freude es ihm machte – hatte er doch oft gelangweilte Schulklassen vor sich. Diesmal war es anders. Die Redakteure hatten Fragen mitgebracht und wollten alles genau wissen. Auch, wenn sie sich manches nicht merken konnten und technische Details nicht ganz verstanden, nahmen sie eine Menge Eindrücke mit nach Hause und sprachen mit glühenden Wangen ihren Bericht ins Mikrophon. "Was von der Toilette oben runterkommt, geht in den Kanal unten rein", formulierte Andreas Sauer. Er sagte aber auch: "Ich muss Euch sagen, das war eine Scheiße hoch Zehn. Gestunken hat das vor allem!" Kann man das drucken? Ich wurde unsicher. Aber es kam so feurig rüber, dass ich dachte: "Warum eigentlich nicht? Genau so haben sie es erlebt".

Nachdem sie ihre Eindrücke nacherzählt hatten, wollte Sauer noch ein Dankeswort an den Betriebsleiter loswerden. Im Zuge dessen brach er in Tränen aus. Die Sache hatte ihn unglaublich aufgewühlt: die mächtigen Eindrücke von Maschinen und Filtern, aber auch, dass er so freundlich empfangen und ernst genommen wurde. Ich lernte verstehen, wie emotional sein Zugang zur Welt ist. Die Offenheit und Ungeschütztheit, mit der er auf Neues zuging, ließ das Erlebte riesig groß werden. Das war dann bei allen Reportagen so. Um diese Fähigkeit, die Welt so farbintensiv erleben zu können, beneidete ich ihn und lernte, dass das Wort "Behinderung" überhaupt nicht das bezeichnet, was hier geschieht. Natürlich gab es Einschränkungen im Verstehen und Verknüpfen von Sachverhalten. Diesen ersten Bericht zu Papier zu bringen, war auch nicht ganz einfach. Aber er enthielt etwas, was kein anderer von uns hätte zustande bringen können.

Ist die Welt reicher, wenn es Menschen gibt, die über so etwas wie ein Klärwerk weinen können? Wer weiß das schon. Sicher ist: Durch Bluttests wird sie farbloser.

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