Der neue Hausarzt bei antonius

Von Sandra Kreß

Ein fröhliches „Hallo“ schallt über den Platz. Es gilt Dr. Christian Rackwitz, der es lächelnd erwidert. Seit Beginn diesen Jahres ist er der neue Hausarzt bei antonius. Mit Erfolg: Die Bewohner sind zufrieden mit ihrem Arzt und alle Beteiligten dankbar, dass die schwierige Arztsuche ein glückliches Ende genommen hat. „Wir brauchen einen Arzt als festen Ansprechpartner vor Ort. Mit Dr. Rackwitz bieten wir eine abgestimmte medizinisch-therapeutische Versorgung im Zitronenfalter und damit eine wichtige Teilhabe-Leistung für unsere Bewohner“, sagt Sebastian Bönisch, Geschäftsführer von antonius.

70 Jahre lang hat die Praxis von Dr. Hofmann die Versorgung der rund 200 Campus-Bewohner sichergestellt, zuletzt in zweiter Generation. Durch die örtliche Nähe der Praxis konnten die meisten ohne große Umstände zur Sprechstunde kommen und regelmäßige Hausbesuche waren einfach zu bewerkstelligen. Als Dr. Hofmann in den wohlverdienten Ruhestand ging, stand antonius vor einem Problem. Bei den Hausarztpraxen gilt die Region Fulda als unterversorgt, ständige Arztwechsel sind nicht zumutbar, darüber hinaus sind die meisten Praxen nicht barrierefrei und weite Anreisen bedeuten einen kaum leistbaren Aufwand. So enstand die Idee, einen Arzt zu finden, der im Zitronenfalter-Gebäude auf dem Campus praktiziert.

„Arztzimmer“ steht in großen Buchstaben auf der Tür, Dr. Rackwitz öffnet und lobt seinen neuen Standort: „Es gefällt mir gut hier im Zitronenfalter und es ist praktisch. Die Kollegen von der Physio-, Ergo- und Logotherapie sind direkt nebenan, so können wir uns gut absprechen, was die Behandlung der Bewohner angeht. Bei angeborenen Fehlstellungen oder Spastiken arbeite ich oft präventiv und wir erzielen gemeinsam gute Ergebnisse. Ansonsten bin ich oft in den Wohngemeinschaften unterwegs, da viele Bewohner durch ihre psychische und körperliche Verfassung nicht in der Lage sind, sich zu bewegen.“ Jeden Dienstag ist Dr. Rackwitz vor Ort, sonst arbeitet er als angestellter Arzt in der Praxis Woyth/Neugebauer am Aschenberg. Mit 34 Jahren hat er vor kurzem seinen Facharzt in der Allgemeinmedizin abgeschlossen und forscht zu Ayurveda-Heilmethoden.

Als Hausarzt bei antonius kümmert er sich zum ersten Mal um Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Was ist dabei anders? „Ganz klar der Zeitaufwand und das Einfühlungsvermögen, das man mitbringen muss,“ so Rackwitz, „viele Patienten sind nur eingeschränkt kooperationsfähig, zeigen Abwehrreaktionen aufgrund von Angst oder wegen eines Nichtverstehens dessen, was gerade mit ihnen passieren soll.“ Er wolle nicht sedieren, d.h. Bewohner mit Medikamenten ruhig stellen, daher versuche er, Vertrauen aufzubauen. Mit Erfolg: Ob bei Besuchen in den Wohngemeinschaften oder bei Praxisterminen, die Untersuchungen finden bereits jetzt im eingespielten Miteinander statt. „Es läuft richtig gut. Wenn man das Vertrauen einmal gewonnen hat, bekommt man viel zurück, eine andere Art der Wertschätzung, Herzlichkeit und sogar kleine Geschenke. Und Rückmeldungen kommen direkt, manchmal knallhart,“ erzählt er schmunzelnd.

Die erste Zeit sei anstrengend gewesen: „Sie müssen sich vorstellen, dass viele Bewohner große Bücher als Patientenakte mitbringen, ich musste erstmal einen Blick für die Person und die Geschichte bekommen. Ich verordne hier andere Medikamente, auch da habe ich mich in Krankheitsbilder und Behandlungsmethoden eingelesen. Und die Bewohner haben immer eine Betreuungsperson dabei, die als gesetzlicher Vertreter Therapien absegnet. Das war alles neu für mich.“

Seine Motivation, sich auch ohne diese spezifischen Kenntnisse bei antonius zu bewerben, rührt von seinem Interesse für ganzheitliche Medizin. Als Ayurveda-Spezialist fühlt er sich der Kultur der indischen Schwestern nahe und freut sich, bei antonius den ganzen Menschen betrachten zu können und nicht nur symptomorientiert zu behandeln. Darüber hinaus hält er Inklusion für ein wichtiges Ziel und möchte sich engagieren: „Ich habe das medizinische Versorgungsproblem gesehen. Jeder Arzt weiß, dass die Arbeitssituation in diesem Bereich problematisch ist. Man braucht viel mehr Zeit, aber es gibt keine zusätzliche Vergütungsoption. Schlimmer noch: Ständig besteht Regress-Gefahr, wenn man zu viel Krankengymnastik oder Hausbesuche aufgeschrieben hat. Dann haftet man aus seinem Privatvermögen. Nichtsdestotrotz brauchen die Menschen mit Behinderung einen Arzt, der sie bedarfsgerecht behandelt. Da wollte ich helfen.“

Am Ende des Gesprächs möchte er noch einen Appell an die Politik richten: „Ich würde mir wünschen, dass die zusätzlichen Aufwände bei der Zeit und der Gesprächsleistung von den Krankenkassen honoriert werden und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen mehr gesehen werden. Wenn wir Inklusion möchten, darf es nicht an medizinischer Versorgung mangeln."

Zurück