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Raus aus der Wohngruppe, rein ins Leben

von Christine Reith

Fulda – Die erste eigene Wohnung – das ist für jeden jungen Menschen ein Meilenstein. Für Samuel Altheide und Leon Macht ist der Schritt in Richtung Selbstständigkeit besonders groß, denn üblicherweise wäre ihr Werdegang ganz anders gewesen.

Ein Bett, ein Schreibtisch, ein noch nicht fertig aufgebauter Kleiderschrank: Samuel Altheide zeigt voller Stolz sein neues Reich. Anfang Januar 2026 ist der 19-Jährige mit seinem 21-jährigen Mitbewohner Leon Macht hier eingezogen – in ein kleines Wohnhaus in der St.-Vinzenz-Straße in Fulda.

Hinten raus öffnet sich ein Panoramablick über die Fuldaauen zum Frauenberg, nach vorne sind es wenige hundert Meter zum Supermarkt, zur Bushalte oder zum antonius Quartier. Genau diese Anbindung ist wichtig, denn Samuel und Leon gehören aktuell noch zum Kinderhaus von antonius und besuchen die Arbeitsschule Startbahn der Stiftung. Samuel arbeitet im Café Ideal, wo er im Sommer eine Ausbildung beginnt, Leon ist im antonius Laden tätig.

„Ich war erstmal baff, als ich gehört habe, dass ich hier wohnen soll – nur mit Leon zusammen und ohne Rund-um-die-Uhr-Betreuung“, gibt Samuel Altheide zu. Der aufgeschlossene, fröhliche junge Mann lebt seit seinem fünften Lebensjahr im Kinderhaus von antonius, das Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung ein Zuhause bietet. „Ich habe bestimmt drei Mal zugesagt und wieder abgesagt. Aber dann habe ich mich für diesen Weg entschieden, und jetzt genieße ich es, mein eigenes Ding zu machen und vieles alleine zu entscheiden.“

Erfahrungsraum zwischen betreutem Aufwachsen und selbstständigem Leben

Die Zweier-WG gibt jungen Erwachsenen ab 18 Jahren die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen schrittweise ein selbstständiges Leben zu erlernen. Pädagogische Fachkräfte stärken und begleiten die Jugendlichen individuell, um bei Bedarf zu unterstützen.

„Meinen Abend selbst zu gestalten, rechtzeitig ins Bett zu gehen und morgens pünktlich aufzustehen, klappt zum Beispiel super“, erzählt Samuel. „Kleine Snacks bereite ich mir selbst zu, mittags und abends esse ich noch im antonius Café und im Kinderhaus. Wenn die Küche aufgebaut ist, will ich aber selbst kochen.“ Jeans waschen klappt, bei den Handtüchern braucht er Hilfe. Die ersten Nächte haben Sozialpädagogen mit im Haus übernachtet, jetzt gibt es nur noch eine Rufbereitschaft.

Verselbstständigung mit Sicherheitsnetz

„Wir begleiten Leon und Samuel dabei, immer selbstständiger zu werden und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Johann Wachter, der Leiter des antonius Kinderhauses. „Ziel ist es, von einer Rundum-Betreuung wegzukommen: Selbst Rasenmähen, statt die Haustechnik zu rufen. Selbst Badputzen, statt auf den Reinigungsdienst zu warten. Komplexe Aufgaben wie Budgetplanung oder Behördengänge trainieren wir. Samuels großer Traum ist eine eigene Wohnung mitten in der Stadt – da ist die St.-Vinzenz-Straße ein optimaler Zwischenschritt, der im Kinderhaus intensiv vorbereitet wurde.“

Und er ergänzt, warum das Ganze so eine große Sache ist: „Man muss es klar sagen: Üblicherweise wären die Jungs wahrscheinlich noch ein, zwei Jahre im Kinderhaus geblieben und dann in eine Wohngruppe mit sechs bis 12 anderen gezogen und dort engmaschiger bereut worden. Dass sie jetzt alleine leben, ist etwas Besonderes und belegt einen echten Kulturwandel in der Behindertenhilfe und bei antonius.“

Der Aufwand bei allen Beteiligten dafür ist groß. Es braucht viele Absprachen und enge Begleitung. Aktuell ist die Nachtwache im Kinderhaus zum Beispiel doppelt besetzt, damit bei Bedarf jemand für Samuel und Leon da sein kann. Das Konzept sieht auch immer ein „Notfallbett“ direkt im Kinderhaus vor, das Sicherheit vermittelt.

Mit jedem Jugendlichen wäre das Projekt nicht möglich, beschreibt es der Kinderhausleiter. Die beiden Jugendlichen seien verantwortungsbewusst, hielten sich an Vereinbarungen und holten sich bei Bedarf Hilfe. Auch die Bezugsbetreuerinnen und -betreuer sowie die gesetzlichen Betreuungspersonen mussten dem Vorhaben zustimmen.

Erfolgsgeschichte: Von der Jugendhilfe zur Eigenständigkeit

Um diese Erfolgsgeschichte zu würdigen, fand am Donnerstag, 5. Februar 2026, eine Einweihungsparty in der St.-Vinzenz-Straße statt. Neben Angehörigen wie Samuels Oma kamen auch die Presse, zahlreiche Vertreter von antonius und Förderer. So überreichte Michael Dehler, Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro Meyer aus Dipperz, einen Spendenscheck über 5.000 Euro für die Sanierung des Kinderhauses, zu der auch das Projekt in der Vinzenz-Straße zählt. Mitarbeitende des Unternehmens Strauss hatte bereits zwei Tage vorher eine Spende über 1.500 Euro überreicht, die die jungen Männer in einen Kühlschrank und eine Spielekonsole investieren wollen. „Es wäre schön, wenn Leon und ich noch mehr zu richtigen Nachbarn werden – und gemeinsam Computerspielen macht uns beiden Spaß!“, sagt Samuel. Wenn jetzt noch das WLAN störungsfrei läuft, sollte den Gaming-Abenden nichts mehr im Wege stehen.

Fotos: Roman Herget

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