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Zwischen Förderschule und Zukunft
von Christine Reith
Erst Förderschule, dann „Werkstatt und Stütze“: Diese Laufbahn ist für Menschen mit Behinderung immer noch die Regel. Auch für Julius Hofmann war dieser Weg vorgezeichnet. Der heute 18-Jährige hat ausgeprägtes ADHS. Doch in der Startbahn – der Arbeitsschule der Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“ in Fulda – entwickelt er sich so gut, dass er sich heute sogar zwischen zwei regulären Ausbildungsstellen entscheiden kann. Ein Einblick zum 20-jährigen Bestehen einer besonderen Schule.
Sich konzentrieren, strukturieren, ruhig an etwas arbeiten – das fällt Julius Hofmann schwer. Vor allem, wenn die Wirkung seiner ADHS-Medikamente im Tagesverlauf nachlässt. Dann wird er unkonzentrierter und unruhiger. Doch gleichzeitig zeigt sich eine besondere Stärke: Sobald Julius ein Thema interessiert, ist er hoch fokussiert und bringt sehr gute Leistungen. In seinem Fall gilt das für alles rund um Technik und Pflanzen.
Wenn alle Rädchen ineinandergreifen
Gefördert wurde dieses Talent von seinen Lehrkräften in der Antonius von Padua Schule, die zur Bürgerstiftung „antonius : gemeinsam Mensch“ gehört. Hier lernen Kinder mit und ohne Behinderung in der inklusiven Grundstufe voneinander und miteinander. Die Mittel- und Hauptstufe hat den Förderschwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung, und arbeitet eng zusammen mit der Arbeitsschule Startbahn, einer weiteren Bildungseinrichtung von antonius.
Von der engen Verzahnung der beiden Schulen profitierte auch Julius: Weil er schon immer Gärtner werden wollte, übersprang er die zehnte Klasse der Antonius von Padua Schule und wechselte direkt in den Bereich Gärtnerei und Landwirtschaft der Startbahn. Früh absolvierte er Praktika, Praxistage und Ferienjobs – etwa im Gartenbau, im Straßenbau oder bei der Autobahnmeisterei.
Mehr Zeit, Raum und Begleitung für die berufliche Orientierung
Die Startbahn ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule mit rund 100 Schülerinnen und Schülern und verfolgt ein deutschlandweit nahezu einmaliges Konzept: Sie gibt Jugendlichen mit Beeinträchtigungen nach der Hauptstufe drei Jahre Zeit, um ihre Stärken im Hinblick auf einen späteren Beruf zu entdecken und zu entwickeln. Genau diese Jahre braucht es, damit sie reifen, sich orientieren und echte Perspektiven entwickeln können.
Ziel ist die Vermittlung in eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt – und gerade nicht in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Damit beschreitet die Startbahn bewusst einen anderen Weg als in Deutschland weitgehend üblich. Denn meist stellt der Übergang in Werkstätten für junge Förderschüler die häufigste Anschlussoption dar, während direkte Übergänge in reguläre Beschäftigung selten sind.
Größtmögliche Selbstständigkeit und Eigenverantwortung
„Natürlich gibt es Menschen, für die eine Werkstatt mit eher standardisierten Aufgaben der passende Ort ist“, sagt Startbahn-Lehrer Julius Zeidler. „Aber Julius Hofmann wäre dort eindeutig unterfordert. Gleichzeitig wäre es für ihn – und auch für potenzielle Arbeitgeber – zu früh gewesen, direkt nach der 9. oder 10. Klasse in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Er brauchte mehr Zeit und Unterstützung für die berufliche Vorbereitung und um selbstständig zu werden. Genau hier setzt die Startbahn an.“
Das Motto der Startbahn: „Mit Anlauf in ein selbstbestimmtes Leben“
In der Regel lernen Schülerinnen und Schüler im ersten Startbahn-Jahr vier verschiedene Berufsfelder kennen und entscheiden sich dann für einen Bereich. Zur Auswahl stehen Gastronomie und Lebensmittelverarbeitung, Landwirtschaft und Gartenbau, Hauswirtschaft und Soziales sowie Handwerk und Lagerlogistik.
Julius Hofmann übersprang das Jahr der Berufsorientierung, denn seine Leidenschaft für den „grünen Bereich“ lag auf der Hand. In den zwei weiteren Startbahn-Jahren erwerben die Lernenden Fähigkeiten und Fertigkeiten speziell in den jeweiligen Berufsfeldern und bereiten sich auf eine Ausbildung vor. Die Schulzeit endet mit einer fachbezogenen praktischen Abschlussprüfung.
Vertrag für Vollausbildung in der Tasche
Aktuell lernt Julius Hofmann für den Hauptschulabschluss. Gleich zwei Unternehmen haben ihm einen Ausbildungsvertrag angeboten. Entschieden hat er sich für das Grünflächenamt der Stadt Fulda, wo seine Ausbildung im August 2026 beginnt – als reguläre Vollausbildung.
Weil seine Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, hat Julius seine ADHS-Diagnose im Bewerbungsprozess offen angesprochen: „Manches fällt mir leicht, manches schwer. Da gibt es nichts zu verheimlichen“, sagt der 18-Jährige selbstbewusst. „Ich habe ein Faible für Maschinen. Die Prüfungen für meine Führerscheine – ob für Roller, Pkw, Stapler oder Baumaschinen – habe ich immer auf Anhieb bestanden, weil mir das Thema einfach liegt. Die körperliche Arbeit im Grünen gibt mir Ruhe. Bei Mathe und Deutsch brauche ich halt mehr Unterstützung, aber das ist okay.“
Seine Mutter Sandra Hofmann ergänzt: „Für Julius und uns als Familie war die Startbahn – und damals die Padua-Schule – ein Geschenk. Wir sind Feuer und Flamme für diesen Weg, denn die Kinder werden tatsächlich sehr individuell in ihren Stärken unterstützt. Dass Julius heute an diesem Punkt ist und eine normale Vollausbildung macht, hätten wir vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten.“ Mutter und Sohn waren während der Schulzeit aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg nach Fulda gezogen, um direkt am Schulort zu leben.
Ein Modell mit Signalwirkung – freie Schulplätze für 2026/2027
Am Beispiel von Julius Hofmann wird deutlich, was die Startbahn seit 20 Jahren zeigt: Dieser Ansatz funktioniert – mit messbaren Ergebnissen. Alle Absolventinnen und Absolventen werden in Betriebe vermittelt, viele davon direkt in Ausbildung (siehe Interview). Am 25. Juni 2026 feiert die Schule ihr 20-jähriges Bestehen mit einer „Abflugparty“. Ein passender Name, denn für viele Jugendliche beginnt hier tatsächlich der Weg in ein selbstbestimmteres Berufsleben. Das wird auch der „Mutmacherpreis“ zeigen, der am Festtag erstmals an eine ehemalige Schülerin oder einen ehemaligen Schüler verliehen wird – als Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Wege nicht vorgegeben, sondern eröffnet und mutig beschritten werden. Für das Schuljahr 2026/2027 stehen noch wenige Schulplätze zur Verfügung.
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„Ich habe keine Wunderlampe unter dem Tisch stehen“
Gespräch mit Startbahn-Schulleiterin Claudia Müller-Elskamp
Was ist für Sie das Besondere an der Startbahn?
Die Startbahn ist die erste staatlich anerkannte Arbeitsschule dieser Art. Unser Konzept mit Berufswegeplanung, hohem Praxisanteil und enger Zusammenarbeit mit Partnerbetrieben ist in Deutschland einzigartig. Ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler kommt aus weiter entfernten Regionen – etwa aus Würzburg, Darmstadt oder Aschaffenburg –, weil es ein vergleichbares Angebot dort nicht gibt.
Mit welchen Anliegen kommen die Jugendlichen und ihre Eltern zu Ihnen?
Viele Familien erleben, dass der Weg nach der Förderschule fast automatisch in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung mündet – oft als scheinbar vorgezeichneter Endpunkt. Nicht jeder Mensch ist dort jedoch gut aufgehoben. Im Erstgespräch geht es deshalb fast immer um den Wunsch, die Fähigkeiten der jungen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und ihre Potenziale gezielt zu fördern.
Werden dabei konkrete Ziele formuliert?
Ja. Das zentrale Ziel ist der Übergang in Ausbildung und Beruf, möglichst auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Junge Menschen sollen echte Perspektiven erhalten und nicht dauerhaft auf unterstützende Systeme angewiesen bleiben. Davon profitiert auch die Gesellschaft insgesamt.
Gelingt das Vorhaben, Jugendliche mit besonderen Herausforderungen in Ausbildung zu bringen? Was sagen Ihre Zahlen?
Ja, und zwar durchgängig. Wir übergeben alle Absolventinnen und Absolventen in Betriebe. Entweder beginnen sie dort eine theoriereduzierte oder eine reguläre Ausbildung oder direkt eine Beschäftigung. Rund zwei Drittel starten in einem Betrieb von antonius, ein Drittel in einem Mitgliedsunternehmen von Perspektiva und einige wenige bei weiteren Partnerbetrieben. In diesem Sommer verlassen 31 junge Menschen die Startbahn. Insgesamt haben in den vergangenen 20 Jahren 515 Schülerinnen und Schüler die Schule erfolgreich abgeschlossen.
Haben Sie Kontakt zu Ehemaligen? Was melden Ihnen deren Betriebe zurück?
Wir erhalten sehr häufig positives Feedback. Arbeitgeber berichten, dass sie mit den Absolventinnen und Absolventen sehr zufrieden sind und sie gezielt einstellen. Das liegt auch daran, dass die Jugendlichen in der Startbahn passgenau auf ihre späteren Tätigkeiten vorbereitet werden. Manche machen hier sogar den Kettensägenschein. Gleichzeitig wissen sie sehr genau, was sie können, und auch, wo ihre Grenzen liegen. Das macht sie im Arbeitsalltag oft besonders verlässlich und lernbereit.
Das klingt nach einem anspruchsvollen Prozess.
Das ist er auch. Wir sagen von Anfang an: Dieser Weg ist nicht bequem. Selbstermächtigung entsteht nicht automatisch. Ich habe keine Wunderlampe unter dem Tisch, die junge Menschen auf Knopfdruck selbstständig macht. Es ist ein Prozess, der Zeit, Anstrengung und manchmal auch Reibung, aber vor allem einen persönlichen Willen erfordert – sich aber immer lohnt. Denn am Ende geht es darum, selbstbestimmt zu leben und sich seinen Platz mitten im Leben zu erobern, auch mit einer Lernschwäche, Behinderung oder anderen Hemmnissen.

Das Team der Startbahn
Fotos: Steffen Waßmann
