Foto: Nico Bensing

von Annika Vogel (Kommentare: 0)

„Ausprobieren, zutrauen, Verantwortung übergeben“

10 Jahre antonius LadenCafé: Im Herzen der Fuldaer Altstadt hat sich unser Café mit angegliedertem Werk- und Verkaufsraum als inklusiver Treffpunkt etabliert. Hier kommen Menschen mit Behinderungen, Familien, Senioren oder Touristen ganz selbstverständlich zusammen. Die 98-jährige Gisela Ruwe ist das beste Beispiel hierfür.

Die Sonne wirft Licht und Wärme hinein in die kleine, gepflasterte Seitenstraße am Fuldaer Severiberg. Im alten Handwerkerviertel sitzen auf der Terrasse des antonius LadenCafés junge Mütter und plaudern, während ihre Kinder im großzügig angelegten Sandkasten spielen. Ältere Menschen sonnen sich bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen. Gisela Ruwe sitzt mit ihrem Neffen Gerrit Ruwe im Innenraum an einem Tisch direkt neben dem Klavier. Gisela Ruwe ist 98 Jahre alt, sie lebt im benachbarten Alten- und Pflegeheim „Marienheim“ und ist ein regelmäßiger Gast im antonius LadenCafé. Sie sagt: „Seit der Durchgang da ist, kommen wir zweimal die Woche vorbei.“

Wenn Beethovens „Für Elise“ erklingt, wird das Türchen geöffnet

Besagter Durchgang ist ein kleines Gartentor am Rande der Terrasse, das das antonius LadenCafé mit dem Marienheim verbindet. Christian Bayer, Leiter des antonius LadenCafés, sagt: „Als wir Anfang 2017 die Terrasse umgebaut haben, wurde diese Tür integriert. Jetzt können die Bewohner und deren Besucher vorbeikommen und auch mal einen Tee schlürfen.“ Bayer leitet das antonius LadenCafé, das in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert, seit fünf Jahren.

Wenn ein Marienheim-Bewohner ins Café möchte, muss er nur klingeln. Dann erklingt Beethovens „Für Elise“ — für Bayer das Zeichen, nach draußen zu gehen und das aus Sicherheitsgründen stets verschlossene Türchen zu öffnen.

Gisela Ruwe fühlt sich im LadenCafé pudelwohl: „Wir treffen hier viele freundliche und vertraute Gesichter. Die Bedienungen wissen sogar, was wir haben möchten.“ Gisela trinkt immer einen Cappuccino und isst ein Stück Kuchen. Ihr Neffe Gerrit sagt: „Im Sommer nehmen wir gern auch mal ein Eis auf der Terrasse.“ Er lobt: „Das Café hat einen ganz eigenen Charakter und Charme. Es ist toll, dass wir die Möglichkeit haben, so unkompliziert hierher zu kommen.“

Barrieren werden abgebaut, damit Gemeinschaft entstehen kann

Knapp 30 Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten im antonius LadenCafé zusammen in einem Verkaufsraum, einem Café, einem Werkraum und in der Floristik. Im Verkaufsraum gibt’s selbst hergestellte Produkte aus den Handwerksbetrieben von antonius sowie Floristik-Produkte. Im Café gehen Kuchen, Snacks und Mittagsgerichte über die Ladentheke, im Werkraum werden unter anderem kaputte Stuhlsitze neu geflochten. „Manche haben einen Lieblingsbereich, der ihnen am besten liegt, andere arbeiten überall“, sagt Bayer. Felix zum Beispiel arbeitet ausschließlich im Service. Er ist ein gesprächiger junger Mann mit Down-Syndrom und nimmt die Bestellungen auf.

 Bayer ist überzeugt: „Es sind fast immer die Umstände, die die Leute behindert machen.“ Beispiel: „Wenn die Stufenhöhe von Treppen bei 25 Zentimetern liegt, dann schließt das manche aus. Es ist ein simples Beispiel, das aber einen großen Einfluss auf den Alltag mancher Menschen hat.“ Das antonius LadenCafé sei mit dem Credo angetreten, solche und noch viele andere Barrieren abzubauen. Bayer sagt: „Wir bieten hier einen Raum der Begegnung und bringen Menschen über unterschiedliche Grenzen hinweg zusammen.“

Gisela Ruwe kann das bestätigen: „Ich komme mit dem Rollstuhl ohne Hürden ins Café. Das ist eine tolle Erleichterung für uns, anders wäre es auch gar nicht möglich.“

Im antonius LadenCafé geht es eben nicht nur um das Zusammenbringen von Menschen mit und ohne Behinderung, sondern auch von den Jüngsten und Ältesten — oftmals Leute, die nicht immer in der Mitte der Gesellschaft stehen. Bayer: „Menschen mit Behinderung und Alte, selbst Familien mit Kleinkindern werden an manchen Orten schräg angeschaut, weil sie etwas lauter oder anderweitig auffällig sind. So etwas gibt es bei uns nicht.“

Inklusion kann auf verschiedenen Wegen gelingen. Ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Für Bayer heißt es deshalb: „Ausprobieren, zutrauen, Verantwortung übergeben und Hintergründe vermitteln.“ Und eben immer wieder: „Neue Möglichkeiten der Begegnung schaffen.“ Auch die Gäste selbst mit anpacken zu lassen, ist Teil des Konzepts: „Im Werkraum zum Beispiel kann man von Montag bis Freitag vorbeischauen und einfach mal mitmachen“, sagt Bayer.

Viele Mosaiksteinchen ergeben ein harmonisches Gesamtbild

Gisela und Gerrit Ruwe haben ihren Cappuccino ausgetrunken und machen sich langsam auf den Weg zurück ins Marienheim. Die Sonne scheint noch immer, auf der Terrasse herrscht weiterhin Gewusel. Alles passt prima zusammen, Jung und Alt, Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. Den Eindruck, dass hier etwas miteinander zusammengebracht werden muss, bekommt man nicht, alles wirkt natürlich im Einklang. Für Christian Bayer ist klar: „Das antonius LadenCafé zeigt, dass Inklusion über sämtliche Barrieren hinweg funktionieren kann — und das seit zehn Jahren.“ Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen werden er und sein Team weiter daran arbeiten, die Grenzen irgendwann ganz verschwinden zu lassen. Gisela Ruwe wird das weiter beobachten. „Solange ich noch fit bin, komme ich gern hierher.“ Auch an ihrem 100. Geburtstag möchte sie noch einen Cappuccino im antonius LadenCafé trinken.

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