Hildegard Stephan im Interview

von Carmen Schneider (Kommentare: 0)

Eine Oase der Stille und des Lichts

Wohin man schaut, überall Gold: Auf unserem Campus steht seit dem ersten Adventswochenende der „g o l d r a u m“, eine begehbare Kunstinstallation von Hildegard Stephan. Der schlichte Kubus, dessen Wände im Inneren komplett vergoldet sind, ist ein Ort der Stille, Entspannung und Entschleunigung. Ein Interview über die Idee und Wirkung des Projekts mit der Künstlerin Hildegard Stephan, Tanja Czarnomski, Mitarbeiterin von antonius, und Redakteurin Christine Reith.

Christine Reith: „Frau Stephan, was war Ihr Anliegen, den Goldraum zu schaffen?“

Hildegard Stephan: „Ich wollte einen Ort der Stille und des Rückzugs erschaffen, an dem man im hektischen Alltag innehalten und die Seele zur Ruhe kommen lassen kann. Bis auf einen Hocker ist der goldene Kubus leer, oben kann man durch einen Fensterstreifen in den Himmel schauen. Man kann sich im Goldraum also ganz auf sich selbst konzentrieren.“

Christine Reith: „Welche Wirkung beobachten Sie bei den Besuchern?“

Hildegard Stephan: „Jeder Mensch hat einen persönlichen Impuls, wenn er in den Goldraum kommt. Viele assoziieren mit dem Gold eine besondere Wertigkeit, Glanz, Licht oder Leuchtkraft. Und nicht selten strahlt dieses Gefühl auf die Menschen zurück, und sie spüren: Ich selbst bin wichtig. Und zwar unabhängig von anderen Menschen, von Religion, Nationalität, Beruf oder geistiger und körperlicher Gesundheit. Jeder Mensch ist kostbar und gleich wertvoll – das ist die Botschaft des Goldraums und für viele Besucher eine einzigartige Erfahrung.“

Christine Reith: „Tun sich manche Menschen schwer mit dieser Leere und Stille?“

Hildegard Stephan: „Manche empfinden den Goldraum tatsächlich als Herausforderung, als eine Art ‚Goldenen Käfig‘. Er wirft uns auf uns selbst zurück, und diese Konfrontation mit der inneren Welt kann schmerzlich sein. Die Rückmeldungen sind also ganz vielfältig und die Geschichten, die ich von den Menschen im Goldraum schon erfahren habe, passen in kein dickes Buch.“

Tanja Czarnomski: „Ich merke, dass ich hier drin ganz anders spreche und mich anders fühle als draußen, viel freier und leichter. Ein bisschen wie auf Wolke Sieben oder wie in der Kirche.“

Hildegard Stephan: „Das erleben viele Besucher so. Zugleich findet man hier kein Kreuz oder ein anderes religiöses Zeichen, denn der Goldraum ist für alle Religionen und alle Menschen gedacht, alle sind willkommen.“

Tanja Czarnomski: „Wenn ich in den Goldraum komme, fühlt sich alles hell und warm an. Ist das denn echtes Gold?“

Hildegard Stephan: „Ja. Alle vier Wände, der Boden und die Decke sind mit echtem Blattgold belegt, dadurch leuchtet der Raum wunderbar warm. Das Gold ist recycelt, es hat also eine ganz eigene, allerdings unbekannte Geschichte und es ist Leben darin.“

Tanja Czarnomski: „Haben Sie den Raum selbst gemacht?“

Hildegard Stephan: „Ja, es war eine Menge Arbeit. Zuerst habe ich ein Modell gebaut, das fast identisch ist mit dem Ergebnis. Nur die graue Außenfarbe kam später hinzu. Sie symbolisiert u.a. den Stein, der Gold in seiner Reinform umgibt. Dann habe ich den Raum von einem Schreiner bauen lassen, was sehr aufwendig war, weil sich z. B. die Wände keinen Millimeter verziehen durften. Anschließend habe ich zusammen mit zwei Vergoldermeisterinnen das Blattgold von Hand aufgetragen, drei ganze Wochen lang. Das Gold ist hauchdünn, 8.000 Blatt davon übereinander gelegt ergeben lediglich eine Dicke von einem Millimeter. Insgesamt haben wir ziemlich genau diese Menge Blattgold verarbeitet.“

Christine Reith: „Alles wirkt harmonisch, nicht nur durch die Farbgebung. Wie kommt das?“

Hildegard Stephan: „Neben dem Gold habe ich mit dem Quadrat und der heiligen Zahl Sieben gearbeitet. Alle Wände sind exakt 3,50 Meter lang, das erzeugt Harmonie und Ruhe. Der Raum ist minimalistisch, nichts lenkt ab. Und diese Ruhe wollte ich dorthin bringen, wo sie den Menschen fehlt – etwa in Innenstädte oder auf Messen.“

Tanja Czarnomski: „Was hat der Goldraum gekostet?“

Hildegard Stephan: „Das möchte ich nicht verraten, aber er war sehr teuer. Ich habe die Herstellung selbst finanziert und nehme weder für die Überlassung noch für meine Arbeit Honorar, denn ich verstehe den Goldraum als mein Geschenk an die Welt. Das Projekt ist aus einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit entstanden. Ich bin selbst reich beschenkt worden in meinem Leben und möchte davon zumindest einen Funken zurückgeben.“

 

Christine Reith: „An den Wänden sieht man auch Kratzer und Kritzeleien, sogar zwei Tic-Tac-Toe-Kästchen. Wie sehr verletzt es Sie, wenn Besucher mit dem Raum so respektlos umgehen?“

Hildegard Stephan: „Der Goldraum, das bin ich selbst. Natürlich wünsche ich mir einen achtsamen Umgang damit, das ist mir schon sehr wichtig. Aber ich muss auch loslassen und den Goldraum den Menschen überlassen. Ich versuche, die Zeichen als Gebrauchspuren zu sehen: Der Raum wird genutzt und mit Leben gefüllt – und das ist gut so!“

Christine Reith: „Der Goldraum stand schon im Kloster Eberbach in Eltville, am Schloss Freundenberg in Wiesbaden, beim Essener Dom und auf der Schwabacher Kunstbiennale. Warum jetzt antonius?“

Hildegard Stephan: „Freunde von mir haben mich auf antonius aufmerksam gemacht, auf die wertvolle Arbeit des Netzwerks und die moderne Form der Inklusion. Daraufhin habe ich viel recherchiert und bin nach Fulda gefahren, um mir einige Einrichtungen von antonius persönlich anzusehen. Was ich dort erlebt habe, hat mich begeistert. Wir haben extra einen Verein gegründet, um den aufwendigen Transport und Aufbau des Goldraums zu finanzieren. Hier freuen wir uns über Spenden, um das zu bestreiten und in Zukunft auch anderen Orten den Goldraum zu ermöglichen.“

Tanja Czarnomski: „Ich finde, hier ist der allerbeste Ort für den Goldraum, weil hier ganz verschiedene Menschen zusammenkommen. Und im Goldraum ist man willkommen, egal wie man ist.“

Hildegard Stephan: „Für mich ist antonius auch ein sehr guter Ort! Allein beim Aufbau hatte ich schon ganz wunderbare Begegnungen mit den Menschen, die hier leben und arbeiten. Viele sind sehr offen und unbefangen mit mir und dem Goldraum, das ist eine großartige Erfahrung. Ich freue mich, dass mein Projekt so einen tollen Ort gefunden hat und bin gespannt, wie die Menschen ihn in den nächsten Wochen und Monaten für sich entdecken werden.“

Besuchen Sie den Goldraum

Der g o l d r a u m steht bis Frühling 2020 auf dem Campus von antonius, direkt vor der Festscheune (An St. Kathrin 4, 36041 Fulda). Die Öffnungszeiten sind: täglich von 8 bis 17 Uhr.

Der Zugang ist barrierefrei. Bitte alleine oder maximal zu zweit betreten und das Gold sorgsam behandeln. Vor dem Raum stehen Karten bereit, um der Künstlerin eine Nachricht zu hinterlassen.

Weitere Infos – auch für Spenden an den Verein – auf den Flyern und unter www.hildegardstephan.de/goldraum.html

Zurück